Grüner Tee im Grünen Laden – Wehrdienst

Ukraine-Krieg, Iran-Krieg, hybride Angriffe auf europäische Infrastruktur – Sicherheitspolitische Themen sind in den vergangenen Jahren in den politischen Fokus gerückt. Die in der Vergangenheit vielfach zitierte „Friedensdividende“ ist dem Anspruch der Abschreckung potenzieller Feinde sowie dem Aufwuchs der Bundeswehr in materieller und personeller Hinsicht gewichen. Für uns Bündnisgrüne ist das Streben nach Frieden ein Kernaspekt unserer Partei-DNA. Die Friedensbewegung der 1980er Jahre ist eine der Wurzeln unserer Partei. Gleichzeitig sind wir uns der (historischen) Rolle Deutschlands in der Welt bewusst, wie das Votum für den Einsatz im Kosovo-Krieg 1998 gezeigt hat. Aber wo stehen wir heute? Wie bewerten wir die aktuelle Wehrpflicht-Debatte?

Militär und Zivilgesellschaft an einem Tisch

Maria Hille (links) und Normal Böhm (Mitte) standen den Mitgliedern mit ihrer Expertise für Fragen zur Verfügung. Foto: Jan Hamisch.

Diese und weitere Fragen wurden beim „Grünen Tee im Grünen Laden“ am 15. April 2026 besprochen. Als Experten standen Maria Hille, Bereichsleiterin Jugendfreiwilligendienste bei der Paritätische Freiwilligendienste Sachsen gGmbH, sowie Normal Böhm, aktiver Bundeswehroffizier und Vorsitzender des Vereins BundeswehrGrün, den Teilnehmenden für Fragen und Antworten zur Verfügung. Gemeinsam mit ihnen ist der Frage nachgegangen worden, ob die Wehrpflicht wieder eingeführt werden sollte.

Freiwilligendienste stärken

Freiwilligkeit als Grundprinzip, dafür sprachen sich Maria Hille und Norman Böhm aus. Foto: Jan Hamisch.

Norman Böhm hielt fest, dass das Ziel von 203.000 Soldatinnen und Soldaten bis 2031 ohne eine Wehrpflicht wahrscheinlich nicht zu erreichen sei. Auch der Aufwuchs im Bereich der Reservekräfte wird ohne nicht möglich sein. Gleichzeitig steht die Bundeswehr vor der Herausforderung, potenziellen Wehrdienstleistenden bzw. Wehrpflichtigen eine adäquate Ausbildung und Unterbringung zu gewährleisten. Die Berichte über erniedrigende Aufnahmerituale sowie rechtsextreme und fremdenfeindliche Vorfälle müssen konsequent geahndet werden. Nur dann ließe sich das Bild des „Staatsbürgers in Uniform“ aufrechterhalten.

Käme die Wehrpflicht zurück, wären auch Ersatzdienste wieder notwendig. Denn laut Grundgesetz darf niemand zum Dienst an der Waffe gezwungen werden. Maria Hille ordnete den damaligen Zivildienst ein und hielt fest, dass bereits heute mehr junge Menschen einen freiwilligen Dienst leisten als damals „Zivis“ vorhanden waren. Bundesweit sind es derzeit 100.000 Menschen, Tendenz steigend. Demgegenüber stehen nicht genug und nicht ausreichend finanzierte Plätze. Hille hob hervor, dass die Möglichkeit zum Freiwilligendienst stark vom Einkommen des Elternhaushaltes abhängt. Will man mehr junge Menschen für einen freiwilligen Dienst begeistern, müssen auch die Rahmenbedingungen angepasst werden. Das heißt auch, Löhne zu zahlen, mit denen der eigene Lebensunterhalt bedient werden kann.

Parteiinterne Debatte

Bei der vergangenen Bundesdelegiertenkonferenz im November 2025 in Hannover wurde hart um eine Position zum Wehrdienst gerungen. Am Ende stand die Forderung nach Einführung einer verpflichtenden Musterung, der Wehrdienst selbst soll aber freiwillig angetreten werden. Unser Grüner Tee hat gezeigt: Die Debatte darüber ist nach wie vor notwendig. Wir sind uns der Bedeutung dieser Entscheidung bewusst: Im Hinblick auf die sich veränderte sicherheitspolitische Lage und den Eingriff in die Grundrechte junger Menschen. Wir werden diese Debatte weiter begleiten und uns dafür einsetzen, dass vor allem junge Menschen gehört werden. Denn sie sind es, die davon am meisten betroffen sind.

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